Der Poesie des Regens lauschen

Eintauchen in einen Wald, um dem ersten Regen nach den langen, heißen Sommertagen zu lauschen.

Die Poesie beginnt mit dem ersten tiefen Einatmen. Als Auftakt sozusagen.

Die Sinne konzentrieren sich zuerst auf das Hören .

Da der Regen fein ist, lausche ich dem Aufschlagen der Regentropfen.

Das dicke Aufprallen am Huflattich.

Das zarte Abgleiten an den Nadeln der Fichten.

Das Stakkato an den dicken, großen Blättern der Pestwurz.

Ich merke, wie ich mich dabei aufrichte, wie die Wassertropfen meine Kleidung durchdringen und mich verdichten.

Es ist, als würden alle Pflanzen aufnahmebereit sein und dabei die Blätter und Nadeln weit machen, um möglichst viel mit dem Nass in Berührung zu kommen.

Langsam geht das Hören des Regens in ein Sehen der Umgebung über.

Zwei Rehkitze, die mich aus der Nähe mit kugelrunden, braunen Augen beäugen, bevor sie wegspringen.

Ein Eichkätzchen, das – erschrocken über mein Erscheinen – die nächstbeste Fichte hinaufflieht.

Glänzend braune Nacktschnecken, die sich ihren Weg bahnen.

Immer mehr bin ich aufnahmebereit, und meine Sinne gleiten in ein Riechen über.

Den Zitrusduft der vereinzelt stehenden Douglasien löst der Aasgeruch der Stinkmorchel ab, und weckt Hoffung auf eine gute Pilzsaison im Herbst.

Ich rieche Zimt, kann aber den Geruch nicht zuordnen.

Auch ich spüre nun langsam den Übergang  der sommerlichen Glut in die Wärme des nahenden Herbstes.

Um der Poesie des Regens noch einen Ausklang zu geben, nasche ich an den herb-süßen Vogelbeeren und verfalle der Süße der Brombeeren.

Diesen ersten, langsamen Regen trage ich in der Nässe meiner Kleidung nach Hause und bin erfüllt.

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