Archiv der Kategorie: Denkweisen

Frenette – das Lebenselixier

Hommage an eine sterbende Art.

Wenn fast alle Bäume Blätter tragen, gönnt mir die Esche noch freien Blick auf die Frühlingssonne.

Und wenn im Herbst die Sonne nur noch zart wärmt, ist es wiederum die Esche, die ihre Blätter als erste für meine Sonnenterasse abwirft.

Die Esche ist seit meiner Kindheit einer meiner Lieblingsbäume. Für uns Kinder machten die Eschen einen undurchdringlichen Auwald mit ihrer Präsenz zum Durchkommen. Sie waren uns Abenteuerspielplatz und Versteck zugleich

Später, als meine Sammelleidenschaft fürs Schwammerln-Gehen sich Durchbruch verschaffte, studierte ich Eschen in Mykologenmanier. Wo wachsen sie, welche Anzeigerpflanzen stehen bei Eschen, wie sehen sie im Jahreskreislauf aus, usw?
Nur um an Morcheln, den Objekten meiner Begierde, zu kommen.

Leider machen die Eschen jetzt durch ein fast vollständiges Sterben auf sich aufmerksam. „Obwohl sie Blätter haben, um mindestens 115 Jahre zu werden“, sagen zumindest die Franzosen, die aus Wein und jungen Eschenblättern ihr Frenette herstellen.
Ein Lebenselixier, das einem ein langes Leben bescheren soll.

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Ich bin traurig um meinen Lieblingsbaum, die Esche!

  • Traurig, vielleicht Kindern im Winter keine Knospen zeigen zu können, die wie Rehfüßchen aussehen.
  • Traurig, vielleicht nicht mehr diese schlanken Riesen im Auwald zu sehen, die es im Frühling licht und freundlich machen.
  • Traurig, vielleicht in naher Zukunft keine Delikatesse wie die Speisemorcheln zu finden.
  • Traurig, vielleicht heuer meine letzte Frenette zuzubereiten.

Und trotzdem in der Hoffnung, dass die Natur richtet, was der Mensch anrichtet.

Frenette – das Lebenselixier

60g Blätter in 1 l Weißwein guter Qualität (12% Alkohol) eine Woche ziehen lassen.
Filtrieren, süßen und in Flaschen abgefüllt in den Kühlschrank stellen.
Täglich ein kleines Schlückchen davon nehmen.
Ich kenne meine Frenette und meine Trinkgewohnheiten:
Im Winter wandert er meist in den Glühwein … und köstlich war’s!

Das Leben feiern….

… oder wie in einem Dorf das Leben – zum Trotz – beim ersten warmen Wetter zum Feste werden kann.

Du brauchst eine Hängematte, ein ziemlich gutes Buch und eine Flasche Champagner.

15 Grad plus, die Sonne lockt das erste Mal, und du fragst dich defacto, was ziehst du an oder aus, um dich langsam an das Schönwetter anzupassen. Bei den Nachbarn dürfte die Frage noch gar nicht angekommen sein, da geht der Kampfgeist schon mit ihnen durch, und die Rasentraktoren, Rasenmäher etc.. werden angeworfen. Es wird mit dem Gras gekämpft, das eigentlich noch gar keines ist.

Ich also in der Hängematte, Champus offen, Lesebrille auf, und das Buch von Joachim Meyerhoff „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ in der Hand … herrlich.

Anmerkung: Der Champus-Gusto kommt alleine aus der Buch-Inspiration!

 

Ehrlich gesagt: Ich habe mit meinem Rasen/meiner Wiese  gesprochen, und wir sind zum Schluss gekommen, ich soll ihm/ihr im Frühgeborenenstatus noch vieeeel Ruhe gönnen. Er/Sie zeigt mir dafür sein/ihr wahres Potential. Da ja Pflanzen sprechen können (auch da gibt es ein schönes fast wissenschaftlichen Buch von Stefano Mancuso!), höre ich auf meine Wiese/meinen Rasen und gib ihr/ihm Welpenschutz. Ich freu mich auf deren Talente und Eigenheiten und genieße inzwischen Hängematte-Buch-Champagner.

Und für alle jene die ihrem Rasen auch Entfaltungspotenzial gönnen ..

Ein Hoch aufs Leben ……..

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Mit Erdäpfelkas das Beliebtheitsrennen gewinnen

Oder wie das Innviertel in Wien Überzeugungsarbeit leistet.

Seit einer Woche geht mir die Erzählung von Marga (Innviertler Studentin in Wien) nicht  aus dem Kopf.

Erdäpfelkas als Partydroge!

Ein Klassiker der Inn- und Hausruckviertlerischen Jausenküche (vormittags und abends!) feiert in Wiens Studentenbuden ein Revival.

Marga erzählte mir mit leuchtenden Augen, wie sie (und jeder andere auch!) zum Star jeder Party werden kann.

Du stellst einfach um ca. 23 Uhr eine große Schüssel mit frisch gemachtem Erdäpfelkas auf einen Tisch (wenn vorhanden!)

Sofort stehen alle um den Erdäpfelkas und tunken, löffeln und schlecken mit den Fingern die Schüssel leer. Alle bekommen verklärte Gesichter, und schon bist du Star des Abends. Wenn das keine Droge ist!

Mir kam es vor wie früher bei der Gesunden Schuljause. Du konntest noch so „gesund“ kochen, der Renner war trotz  BeMÜHungen  der Erdäpelkas.

Manchmal mach ich ihn zuhause, aber nie schmeckt er so gut wie damals in der Schule, sagen meine Söhne.

Und  all meiner Erklärungsversuche (Gemeinschaft, eigenes Taschengeld, freie Jausenentscheidung, …) zum Trotz endet die Debatte in einem gelangweilten „Du brauchst mit uns nicht sozialpädagogisch reden!“ Mein geheimer Joker „20 Mütter machen 20 verschiedene Erdäpfelkäse“ verstummt ob dieser Aussage ungehallt im Universum.

 Mein ultimatives Rezept:

Erdäpfel noch warm pressen mit Salz, Pfeffer und einer Prise Paprika bestreuen. Dann mit soviel Sauerrahm verrühren bis ein fluffiger Aufstrich entsteht. Ich mag keinen Zwiebel rein, dafür viel Schnittlauch darüber gestreut. Noch lauwarm auf ein Bauernbrot mit Butter. Köstlich!

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Und in Wahrheit wollte ich über gewaltfreie Erziehung schreiben:

Das Kind spüren lassen, dass es als eigenständige Persönlichkeit mit seinen Wünschen und Begabungen und Interessen, Aussehen und Herkunft willkommen ist und geliebt wird.

Dem Kind viel Kontakt zu anderen Menschen, besonders auch zu gleichaltrigen Spielkameraden, ermöglichen.

Dem Kind viel Lob und Annerkennung geben, seine Stärken und Fähigkeiten betonen.

Die Privatsphäre des Kindes achten.

Dem Kind Zeit und Aufmerksamkeit widmen, sich ihm bewusst zuwenden.

Dem Kind die Förderung zukommen lassen, die es für seine Entwicklung braucht.

Dem Kind Grenzen setzen, die erklärt werden und nachvollziehbar sind.

 

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Und im Kopf rattert es…..

Wer kennt das nicht:
Die Aufgabe ist neu, herausfordernd und bietet jede Menge Denkarbeit.

Und dein Hirn wälzt die Gedanken von oben nach unten, von links nach rechts, nützt jede noch so kleine Gehirnwindung aus. Bei 1200g Gehirnmasse bei Frauen haben Gedankenkonstrukte einen großen Spielraum. Männer haben 1300g Gehirnmasse, und es ist erwiesen, dass zwischen Größe und Intelligenz kein Zusammenhang besteht.

Meine Gedanken lassen sich im Moment durch Wichtelgeburten (Hebamme kommt durch!) abstellen. Ich gebe meinem Hirn Denkarbeit (lies mal Nähvorlagen!), meinen Händen Fleißaufgaben (krieg so einen verflixten Faden durch ein Nadelöhr!) und meiner Seele Freude am schaffen.

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Bei mir ist es so:
Wenn sich das Gedankenkarussell mal dreht und ich den Ausknopf einfach nicht finde, genügen mir meine Hobbies nicht, um aus Rata-Rata auszusteigen.

Da bedarf es ein Raus aus der Komfortzone. Mit allen Sinnen darf ich da beschäftigt sein.

Und so entstehen Wichtel. Ein Buchgeschenk zu Weihnachten meiner besten Freundin hilft mir die Zeit des allzuviel Nachdenkens zu überbrücken um in der neuen Arbeit eine Routine zu entwickeln.

PS: Wenn ein Wichtel vor deiner Tür lehnt….es gibt keine Voodoopuppen!

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Movember

oder meine familiären Schnauzbarträger.

Gab es zur damaligen Zeit (ich bin ein 68er Baujahr) überhaupt Großväter, die ohne Schnauzer lebten?

War es modern, politisch korrekt oder war „es halt einfach so“!

Viele haben mich gefragt, ob ich nicht auch über meine Großväter schreiben möchte. In etwa so wie meine verspätete Liebeserklärung an meine Großmütter.

Und was fällt mir als erstes dazu ein:

MOVEMBER   SCHNAUZBARTTRÄGER  MÄNNERGESUNDHEIT

Mein Pennewanger Opa starb früh. Meine einzige Erinnerung ist der Geruch des Bauernhauses und der riesige, lange Gang nach der Eingangstür. Da hätte für mich als Kind locker ein Haus hineingepasst.

Er starb wahrscheinlich an einem Zuviel:  zuviel an Allem (essen, trinken, Arbeit, Sorgen) .

„Er hot sich hoid um alles grannt“, so hieß das damals.

Als Bürgermeister in der Nazizeit, und kein Nazi zu sein, bedeutete damals wahrscheinlich, sich immer um das Leben zu fürchten.

Und mein anderer Opa, den kannte ich genauer, da er alt wurde und bei uns im Haus wohnte.Opa3

Ein Asket wie im Bilderbuch, nur dass hin und wieder in seinem Gummistiefel eine Schnapsflasche vor seiner Frau versteckt wurde.

Unfreiwillig zum langen Gehen gekommen, als er von Russland nach der Gefangenschaft heimmaschierte.

Was der Pennewanger Opa alles an Zuviel hatte, glaube ich, hatte Opa an Zuwenig: zuwenig an Liebe seiner Eltern, Essen, Annerkennung … die Kargheit als Knecht.

Für mich hat er viel gearbeitet. Als Beschäftigungstherapie behielt er sich ein paar Stiere, um die er sich kümmerte, da war er schon über 80. Und er mochte keine eingefrorenes Essen. Meine Mutter, die kochte, hielt das für einen Spleen. Jetzt gehts uns beiden so, dass wir Eingefrorenes schlecht vertragen. Und ich mir wünsche, ohne Gefrierfach auszukommen.

Um wieder auf die Männergesundheit zu kommen, was hatten beide Männer trotz Zuviel und Zuwenig gemeinsam.

Sie hatten beide einen Familienverband, Freunde, einen Hausarzt, dem sie vertrauten, und der ihre Eigenheiten anerkannte, Frieden mit sich und den Seinigen, und ein Sterben, das selbstbestimmt und zuhause war.

Ja, ich zolle ihnen Respekt …

… und Schnauzer sind Geschmacksache!

ÜBER-LEBEN

Ich sterbe, ich liebe, ich lebe, ich werde geliebt

ich singe und tanze

es waren Schmerzen,

geboren, gestorben, verfolgt, geliebt, erpresst,

die Sucht, das Wagnis,

Stationen des Lebens.

Es regnet, es schneit und auch der Sommer wird folgen,

Tauben die fliegen werden nicht gegessen, einer der hungrig ist, sind fliegende Tauben egal.

Die Liebe, das Wagnis, die Schmerzen, die Trauer, und die Treue. Das Gelöbnis gehört auch dazu und die Freude gepaart mit Tränen.

Leben ist reich und Frieden kann sein.

Leben ist schön und Geld kann sein.

Die Liebe, das Wagnis und das Sterben dazu.

Kinder unverhofft und gehofft dazu.

Die Alten und die Liebe, die Schmerzen dazu.

Die Jungen und die Lauten und manchmal die Alten dazu.

Die Liebe, das Wagnis und das Bekennnen dazu.

Die Schmerzen, die Nächte und die Einsamkeit dazu.

Die Augen, die Sehnsucht, das Nicht-Wollen dazu,

dabei das Sterben, die Schmerzen, die Traurigkeit dazu.

Die Kleinen, die Großen und der Schmerz dabei.

Die Liebe, das Regnen und der Herbst dazu.

Das Licht im Schatten unverhofft geworfen.

Die Liebe und das Leben dazu.

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Ameisenhaufen

Kann es sein, dass die Ordung eines Ameisenhaufens die Flüchtlingsdebatte in ein ruhiges Fahrwasser bringen kann?

In einem Ameisenhaufen leben Tausende dieser Tiere. Für uns – rein durch das Anschauen – unvorstellbar viele. Und trotzdem erscheint alles geordnet. Keine Ameise tritt der anderen auf die Füße. Jede hat zu tun. Alles erscheint in Ordnung.

Ordnung wünschen sich viele in der Flüchtlingsdebatte.

Ich hab einen Ameisenhaufen nur beobachtet, wobei mir diese Gedanken kamen. Evidenzbasiert ist etwas anderes.

Mich berührt die Hartherzigkeit und die Sorglosigkeit ob so vieler Aussagen von Mitbürgern dieser EINEN WELT.

Wo bleibt der Dialog?
Wo bleibt das sich-darauf-Einlassen, um so neue Denkkstrukturen zuzulassen?

Das einzige Beständige ist doch der Wandel!

  • Mir hat noch keiner was weggenommen.
  • Ich bin reicher an neuen Bekanntschaften. 
  • Ich bin reicher an neuen Kochrezepten.th
  • Ich bin reicher an neuen Facebook-Freunden.
  • Ich bin reich an Herzlichkeit aufgenommen worden.
  • Ich bin reicher an Geschichten und Träumen.

Ja, ich fühle mich reicher!
Und wie geht es dir?

PS:
Das Mitgefühl mit allen Geschöpfen ist es, was Menschen erst wirklich zu Menschen macht.

Albert Schweitzer